Elvis am Pool: Eine Kreuzfahrt mit Überraschungen

Manchmal entstehen beim Schreiben Szenen, die einfach zu witzig sind, um sie zu löschen – auch wenn sie nicht ins Buch passen. Diese hier habe ich auf Anraten meiner Lektorin aus dem ersten Band meiner Kreuzfahrtkrimiserie (Leinen los!) gestrichen. Trotzdem wollte ich euch zeigen, was Elvis Presley am Pool unserer MS Principessa so treibt.
Viel Spaß beim Lesen!

Am späten Nachmittag näherte sich eine Dame mit Schmetterlingsbrille schnellen Schrittes der Rezeption.

„Oh, ich muss weg“, hörte ich Gesa sagen, da war sie auch schon verschwunden. Verwundert sah ich mich um.

„Guten Tag“, rief die Passagierin mir entgegen.
„Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“, begrüßte ich sie artig.
„Kommen Sie schnell mit, ich muss Ihnen was zeigen!“ Ihre Stimme klang gehetzt.

„Was ist denn passiert?“ In Notsituationen sollte man immer ruhig bleiben, sonst schadete man eher, als dass es nutzte.

„Nun kommen Sie schon, sonst ist er wieder weg!“
„Ich komme.“ Rasch schloss ich die Kasse ab, stellte mein Abwesenheitsschild auf den Tresen und eilte hinter der Dame her, die bereits weit voraus war und im Fahrstuhl verschwand.

„Kommen Sie, ich halte ihn auf“, trieb sie mich an. Sie hatte die Sieben gedrückt – das Sonnendeck.

Mit geschlossenen Augen stand sie an die Wand des Aufzugs gelehnt und murmelte etwas vor sich hin.
„Wie bitte?“
„Mach, dass er noch da ist, mach, dass er noch da ist“, wiederholte sie, bis das diskrete „Ping“ uns auf das erreichte Deck hinwies. Sie zog mich am Ärmel meiner Uniformbluse hinter sich her Richtung Pool.

Fast alle Liegen waren besetzt. Ein kleiner Trupp Jogger, angeführt von einer durchtrainierten jungen Frau, trabte vorbei. Der warme Wind hier oben war herrlich. Nichts wies auf Gefahr hin, sodass ich mich langsam entspannte – neugierig, warum ich hier hergeführt worden war.

„Da! Genau da war er! Jetzt ist er weg“, schluchzte meine Begleiterin. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt.

„Aber, Frau – wie war Ihr Name noch?“
„Nordmann“, antwortete sie leise wimmernd.

„Frau Nordmann, wen haben Sie denn gesehen? Es macht doch nichts, dass er jetzt weg ist, hier auf dem Schiff kann er nirgendwo hin. Hören Sie bitte auf zu weinen.“
„Es war Elvis.“
Ich stutzte.
„Elvis Presley?“
„Elvis Aaron Presley, genau.“
„Ist der nicht tot?“

Ihr vernichtender Blick traf mich wie ein Schlag in die Magengrube.
„Das versuchen sie uns in der Tat seit Jahren einzureden.“

„Aber“, ich rechnete kurz nach, „dann müsste er mittlerweile über achtzig sein.“
„Natürlich, er wird leider nicht jünger. Aber heutzutage kann man da ja viel machen.“ Sie deutete vielsagend auf ihre Augenwinkel und Kinnpartie.

„Und Sie sind sich sicher, dass Elvis Presley eben noch am Pool unserer Principessa gelegen hat?“
„Er lag nicht am Pool, er schwamm seine Bahnen. Er will sich fit halten, ist doch klar. Nie wieder fett werden – das war einfach zu hart damals.“

„Natürlich“, stimmte ich zu, unsicher, wie ich mich verhalten sollte.

Jetzt beugte sich die Dame verschwörerisch zu mir. „Er hat mir zugezwinkert!“
„Ähm, ja. Warum haben Sie ihn dann nicht angesprochen?“
„Ich bitte Sie! Er war inkognito. Da kann ich doch nicht einfach hingehen und stören.“
„Selbstverständlich nicht.“ Ich beobachtete sie. Mittlerweile hatte sie aufgehört zu weinen, und die anachronistische Brille wieder aufgesetzt.

„Aber ansonsten fühlen Sie sich wohl?“, fragte ich.
„Wieso fragen Sie das? Denken Sie etwa, dass ich verrückt bin?“
„So würde ich das nicht ausdrücken, Frau Nordmann, aber es ist doch recht ungewöhnlich, wenn jemand –“
Sie unterbrach mich:
„Ich wollte Ihnen die Chance bieten, einen der größten Künstler unserer Zeit zu sehen, aber Sie meinen nur, dass ich durchgeknallt bin!“

„Es ist einfach recht unwahrscheinlich, dass ein Mann, der seit mehr als vierzig Jahren tot ist, plötzlich auf unserem Schiff auftaucht, finden Sie nicht auch?“
Sie zog die Nase hoch und legte den Kopf in den Nacken.
„Ich möchte das wirklich nicht weiter mit Ihnen diskutieren. Einen schönen Tag noch!“ Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und marschierte davon.

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Kurz darauf ging ich mich wieder an meinen Arbeitsplatz. Meine Kollegin Gesa grinste bereits.
„Na, wo ist Elvis dieses Mal aufgetaucht? Lass mich raten: als Rauch aus dem Schornstein? Oder nein, als Pfütze auf dem Pooldeck?“
„Sehr witzig. Wenn du so redest, hast du es nicht verdient, zu erfahren, dass der King himself sein tägliches Schwimmtraining nicht hat ausfallen lassen. Hups, jetzt ist es doch raus.“
„Sie hat es wieder getan.“
„Wenn du mit ‚sie‘ Frau Nordmann meinst und dass sie Elvis auf unserem Schiff entdeckt hat, dann ja.“
„Das ist schon das zweite Mal diese Woche. Ich glaube, die vielen Seetage schlagen ihr aufs Gemüt.“
„Wie oft kommt das denn sonst vor?“
„Och, normalerweise so alle paar Wochen. Frau Nordmann ist Dauergast, macht jede Weltreise mit – immer in derselben Kabine. Was ihren Elvis angeht, hat sie ziemlich einen an der Mütze, aber ansonsten ist sie nett.“
„Und diese Wahnvorstellungen beschränken sich allein auf Elvis? Oder sieht sie sonst noch Dinge, die es nicht gibt?“
„Nur Elvis. Frag mich nicht, warum.“
„Also wenn du das nächste Mal ganz plötzlich wegmusst, dann weiß ich Bescheid.“
Meine Kollegin grinste.
„Bei Toni und mir hieß es auch immer: Den Letzten beißen die Hunde. Nichts für ungut, Lissy.“
„Schon klar, schick die Verrückten ruhig alle zu mir, ich kann das ab.“
„Das hatte ich gehofft.“

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