Willkommen an Bord: Leseprobe aus „Leinen los!“

Der Roman erscheint am Samstag, den 28.2.2026 als E-Book und Taschenbuch. Zum Vorbestellen hier klicken.

Die MS Principessa glänzte in der Sonne. So sah mein neuer Arbeitsplatz also in natura aus. Noch beeindruckender als auf den Bildern, die ich bisher gesehen hatte. Gar nicht schlecht. Im Hafenbecken von Acapulco trübte sie buchstäblich kein Wässerchen, doch schon bald würde sie Kurs auf den offenen Pazifik und Sydney nehmen.
Vor der Passkontrolle hatte sich eine Schlange gebildet. Die Passagiere der Principessa wollten auf Landgang gehen. Neben mir informierte ein Reiseleiter seine bereits abgefertigte Gruppe:


„Acapulco galt in den Fünfziger- und Sechzigerjahren als Hotspot der Reichen und Schönen, mittlerweile hat die Stadt leider eine der höchsten Mordraten der Welt.“
Er blickte in die betretenen Gesichter um sich herum und fügte hastig hinzu: „Aber das betrifft nicht uns, nein, wirklich überhaupt nicht. Die einheimischen Drogenbanden ermorden nur andere Drogenbanden, keine Touristen und, äh, manchmal werden natürlich auch Kioskbesitzer ermordet, weil sie kein Schutzgeld zahlen wollen, und äh, … na ja, mit all dem haben wir während unseres Ausflugs nichts zu tun. Wir machen uns gleich auf den Weg zu den La-Quebrada-Felsen und ihren berühmten Klippenspringern.“


Da hatte er aber gerade eben so die Kurve gekriegt!


„Na, wer erinnert sich denn noch an ‚Fun in Acapulco‘, hm? Sind Elvis-Fans unter Ihnen? Wussten Sie eigentlich, dass Elvis gar nicht selbst nach Mexiko einreisen durfte? Die Aufnahmen mit ihm mussten in einem Studio gedreht werden.“

Ich sah der Gruppe nach, die zu einem der am Kai wartenden Busse geführt wurde. Wie eine Schar Entenküken ihrer Mutter folgten die Touristen dem Reiseführer, der mit seinem Fähnchen voranging.

Kurz darauf war ich an der Reihe und durfte mit Koffer und Reisetasche das klimatisierte Innere des Kreuzfahrtschiffes betreten. Eine Mitarbeiterin in gestärkter weißer Uniform kontrollierte meine Papiere:
„Lisa Lindberg.“ Sie fuhr mit dem Finger auf ihrem Klemmbrett entlang. „Hier habe ich dich. In welchen Bereich bist du eingeteilt?“ Sie musterte mich mit zusammengekniffenen Augen.
„Ich übernehme die Leitung der Rezeption“, antwortete ich und hätte mir dabei fast an die nicht vorhandene Mütze getippt. Die Kontrolleurin war der Typ Mensch, vor dem man unwillkürlich salutierte.
„Gut, ich bringe dich auf die Kabine und informiere deinen Vorgesetzten.“ Sie winkte einen einige Schritte entfernt stehenden Uniformierten heran.
„Du übernimmst kurz.“ Dann wandte sie sich wieder an mich: „Gehen wir.“


Sie griff nach meinem Koffer, ich schulterte die Reisetasche und dann marschierten wir durch die Eingangshalle auf eine Reihe Fahrstühle zu.
„Mein Name ist Olga. Sicherheitsoffizierin auf dem Schiff.“
„Freut mich.“
„Bist du das erste Mal an Bord?“
„Ja, und ich bin etwas nervös“, gestand ich freimütig ein.
„Wie lange bist du denn schon dabei?“
„Seit mehr als zehn Jahren.“
„Und was machst du genau?“
„Ich arbeite auf der Brücke mit dem Captain zusammen, plane die Übungen, kümmere mich um die Beiboote und den Rest der Sicherheitsausrüstung, schule die Mannschaft, halte Kontakt mit den Häfen, die wir anlaufen.“
„Und wie bist du Offizierin geworden? Ist das eine Ausbildung?“
„Ich habe Seefahrt studiert und mich dann hochgearbeitet.“
„War das schwer? Ich meine, für dich als Frau?“
„Wenn du weißt, wie du mit den Männern reden musst, ist es nicht schwer, nein.“
Sie beäugte mich.
„Und bei dir?“
„Bisher lief es ganz gut.“ Immerhin hatte ich, obwohl ich erst achtundzwanzig Jahre alt war, bereits im Managementbereich einer großen Hotelkette gearbeitet. Die Kollegen auf diesen höheren Ebenen waren ausschließlich männlich gewesen.
„Du siehst niedlich aus, dir kann bestimmt keiner einen Wunsch abschlagen.“ Sie lachte trocken.
„Na ja“, gab ich unbestimmt zurück.
Ich wollte mich nicht gleich am ersten Tag mit einer Offizierin anlegen, aber prinzipiell gefiel es mir nicht, als „niedlich“ bezeichnet zu werden.


„Deine Kabine ist auf Deck 2“, erklärte meine Begleiterin, als wir aus dem Aufzug stiegen.
„Ich zeige dir gleich, wie du von da aus zu deinem Manager kommst.“
„Alles klar.“
„Nummer 237. Das ist es.“ Olga öffnete die schmale Tür und gab den Blick auf etwa fünf Quadratmeter frei.
„Sieht erst mal klein aus“, räumte sie ein, „aber daran gewöhnst du dich schnell. Hier ist das Bad.“
Sie deutete auf einen winzigen Raum, in dem eine Toilette, eine Dusche und ein Miniaturwaschbecken untergebracht waren.
„Klasse, dann kann ich ja duschen, während ich auf der Toilette sitze!“, versuchte ich zu scherzen.
Olga verzog keine Miene. „Pass auf, du machst dich jetzt frisch und gehst dann auf demselben Weg, den wir gekommen sind, zurück in die Lobby“, wies sie mich an. „Oben fragst du einen Kollegen nach dem Büro des Hotelmanagers Lukas Prenzmann. Willkommen an Bord, Lisa.“
Dieses Mal konnte ich den Impuls nicht unterdrücken. Ich salutierte. Die Sicherheitsoffizierin wirkte nicht einmal überrascht.

„Ja bitte!“, rief eine laute Stimme von drinnen.
„Herr Prenzmann?“
„Der bin ich. Was kann ich für Sie tun?“
„Mein Name ist Lisa Lindberg. Ich bin die neue –“
„Ah, Lisa, sehr schön. Unser rettender Engel! Lukas Prenzmann. Kommen Sie rein und setzen Sie sich!“, ermunterte mich der Hotelmanager und winkte mich zu sich heran. Sein massiger Körper ruhte auf einem ledernen Schreibtischstuhl. Die weiß uniformierten Schultern zierten drei Streifen. Ich kannte mich mit dieser Streifengeschichte nicht aus, aber viel mehr Platz für weitere Symbole gab es da nicht. Es musste sich bei meinem Vorgesetzten um ein recht hohes Tier handeln.
„Danke.“
„So, Sie kommen also als Ablösung für die Toni …“
„Genau.“
„Im sechsten Monat schwanger, ohne es zu merken. Sachen gibt’s …“ Er schüttelte den Kopf, dabei wabbelte sein Doppelkinn im Takt.
„Tja“, gab ich möglichst neutral zurück. Ich wollte nicht direkt über jemanden tratschen, den ich nicht kannte, aber interessant klang die Geschichte meiner Vorgängerin schon. Wenn man die ersten sechs Monate gar nichts von der Schwangerschaft bemerkte, kam so ein Baby natürlich ziemlich plötzlich zur Welt. Kein Wunder, dass sie sofort nach Hause geflogen war.


„Du kommst – ach so“, unterbrach er sich, „wir sagen hier alle du, ist das in Ordnung für dich?“
„Klar, ich bin Lisa.“
„Gut, Lisa, du kommst von Westwing, richtig?“
„Genau, sechs Jahre habe ich für die gearbeitet.“ Die US-amerikanische Hotelkette hatte diverse Standorte in europäischen Metropolen.
Der Hotelmanager blätterte mit seinen wurstigen Fingern in der vor ihm liegenden Mappe.
„Und davor warst du …?“
„Meine Ausbildung habe ich im International in Hamburg und Stockholm absolviert. Die Häuser gehören meiner Familie.“
Herr Prenzmann nickte wohlwollend, denn natürlich sagte ihm das International etwas. Wir waren zwar nicht die Hiltons, aber Insider konnten mit dem Namen des Hotels erfahrungsgemäß immer etwas anfangen.
„Und bei Westwing warst du im Management?“
„Ja, ich habe –“
Er fiel mir ins Wort: „Ich dachte schon, ich hätte mir das falsch gemerkt, aber hier steht es ja schwarz auf weiß, du bist wirklich achtundzwanzig, oder?“
Es war nicht das erste Mal, dass ich wegen meines Alters derart ungläubig gemustert wurde.
„Gute Gene. Meine Mutter wird oft für meine jüngere Schwester gehalten und meine Großmutter muss ihren Ausweis vorzeigen, wenn sie abends einen trinken gehen will.“
Herr Prenzmann lachte. „Du hast Sinn für Humor, das gefällt mir.“ Er blätterte wieder in den Unterlagen.


„‚Qualitätsmanagement Südeuropa‘ steht hier, ist das richtig?“
„Ich war für die Standorte in Spanien und Portugal zuständig.“
„Aha, schön.“ Er legte die massigen Hände auf das Papier und sah mich an. „Hier wirst du ab jetzt näher an der Basis arbeiten, der Managementposten ist nämlich schon besetzt.“
Er lachte über seinen eigenen Scherz.
„Ich freue mich auf die Veränderung und den Kontakt zu den Passagieren“, gab ich diplomatisch zurück.
Das war nicht mal gelogen, denn nach dem, was ich bei Westwing erlebt hatte, sehnte ich mich geradezu nach der ganz alltäglichen Arbeit an der Rezeption.
Wochenlang hatte mich einer der Geschäftsführer von Westwing bedrängt. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich ihm auch außerhalb der Arbeitszeit in seinem Schlafzimmer zur Verfügung stehen sollen. Seine Unfähigkeit, mit einem Nein umzugehen, hatte schließlich meine fristlose Kündigung nach sich gezogen. Doch diese Geschichte ging die Leute hier auf dem Schiff nichts an.


„Ja, noch mal ganz neu anfangen, das kann man, wenn man jung ist.“ Verträumt schüttelte er den Kopf.
Ich musterte ihn verstohlen, während er seinen Gedanken nachhing. Mein Vorgesetzter war mindestens Mitte fünfzig, sein Haar ging an den Schläfen arg zurück und seine Körperfülle ließ auf einen eher geruhsamen Lebensstil schließen. Nur die wachen Augen verrieten, dass hier jemand vor mir saß, der seine Zeit keineswegs mit gemütlichen Plauderstündchen verbrachte, sondern die Verantwortung für ein riesiges Team in Küche, Housekeeping und Restaurantbetrieb trug.
„Und wie kommt es, dass du jetzt bei uns bist? Westwing ist doch ein großer Laden, da hätte es sicher weitere Aufstiegschancen gegeben, oder?“
„Natürlich, aber wie du schon sagst, bin ich jung und möchte was von der Welt sehen, neue berufliche Erfahrungen machen.“
„Verständlich, verständlich“, murmelte er und klappte die Mappe zu.


„Ich freu mich auf jeden Fall, dass du jetzt bei uns bist. Noch einmal herzlich willkommen!“ Er zog ein Funkgerät aus der Tasche. „René, kommst du mal eben bei mir rein? Die neue Kollegin ist da.“
„Bin in fünf Minuten da!“, kam die blecherne Antwort.
„René ist Bereichsleiter für besondere Gästebetreuung, also Wedding-Planer, Prominenten-Versteher und rechte Hand der Reiseleiter. Als die Toni vor drei Wochen von Bord gegangen ist, habe ich ihn zum Dienst an der Rezeption verdonnert, aber jetzt wird er heilfroh sein, an dich abgeben zu können. Er ist allerdings …“
In dem Moment klopfte es. Fast gleichzeitig öffnete sich die Tür zum Büro.

Hinterlasse einen Kommentar